
NBC-RADIO
Die Winternächte in Namibia sind lang. Viel Zeit zu lesen, sich Gedanken zu machen, Kreuzworträtsel zu lösen, mit den immer vor der Tür sitzenden Katzen zu sprechen, oder aber Radio zu hören.
Sender mit Wortbeitragen, außer den obligatorischen Nachrichten, die oft nicht einmal als informativ bezeichnet werden dürfen, gibt es wenige. Ob nun Minister oder Ministerin XYZ an die Bevölkerung appelliert hart zu arbeiten, damit Namibia die Ziele der Vision 2030 erreicht oder nicht, interessiert vermutlich maximal 0,001 Prozent der Bevölkerung im Lande und schlimmstenfalls nur die Minister selbst, die sich zu derart inhaltslosen, aber höchst beliebten Statements hinreißen lassen.
Welch ein Glück also, dass es die deutschsprachigen Sendungen von NBC (Namibian Broadcasting Corporation) gibt. Hier erfährt man nicht nur viel über die Seelenlage der deutschstämmigen Bevölkerung, sondern auch Aktualitäten aus aller Welt, die vom Deutschlandfunk übernommen werden. Äußerst beliebt sind Ratesendungen und natürlich gibt es diverse Musiksendungen. Von Klassik bis zu Jazz reicht das Angebot, das äußerst fachkundig moderiert wird. Für Sendungen wie „Wünsch’ Dir was“, in denen bevorzugt Titel aus der verschnulzten Welt der sechziger und siebziger Jahre laufen und die selbst versteinertes Ohrenschmalz verflüssigen können, gibt es glücklicherweise den Ausschaltknopf. Doch das beschränkte Senderangebot hat auch Vorteile. Denn immer wieder bleibt man, manchmal aus Bequemlichkeit, manchmal aus Neugierde, bei Musiksendungen hängen, die bei einem größeren Angebot ungehört geblieben wären und die sich bei genauerem Hinhören als Bereicherung erweisen.
Weniger bereichernd, allenfalls ob ihrer ungewollten Komik, aber dennoch interessant ist die beliebte Sendung „Der Telefonhörer“. Hier darf geschimpft und kritisiert werden, wovon viele Hörer Gebrauch machen. Obwohl die Regeln des Anstandes und der politischen Correctness gewahrt werden sollen, kommt es immer wieder zu emotionalen Ausbrüchen, die einem entweder ein lautes Lachen entlocken oder ein wenig das Blut in den Adern stocken lassen. Wenn z. B. Hörer unwidersprochen die Meinung verkünden dürfen, dass der 2. Weltkrieg ja nun „leider unglücklich“ verloren worden sei, dann hört der Spaß irgendwie auf und es verfestigt sich das Bild, dass sich in Südwest überproportional viele politisch (um es milde auszudrücken) Zurückgebliebene versammelt haben.
Insgesamt ist den MacherInnen des deutschen Hörfunkprogrammes, das mich an vielen Punkten an die liebenswerte Unprofessionalität der Bürgerradios in Deutschland erinnert, ein großes Kompliment zu machen. Das Radio ist ein wichtiger „Kulturträger“ und hilft die Identität der deutschsprachigen Minderheit zu bewahren und diese untereinander zu vernetzen. Fast Jeder kennt Jeden und so ist es kein Wunder, dass sowohl bei Hörerwünschen als auch bei den kritischen Bemerkungen in der Sendung „Der Telefonhörer“ nahezu die meisten der Anrufer persönlich bekannt sind. Schließlich ist die deutsche Gemeinschaft in Namibia nicht viel größer als meine Heimatgemeinde Pfungstadt mit ihren knapp über 25.000 Einwohnern.
